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Arzneimittel und Therapie
Wenn der Rücken nicht mitspielt
US-amerikanische Handlungsempfehlung bei akuten und chronischen Schmerzen
Dass Rückenschmerzen in der Bevölkerung weit verbreitet sind, ist nichts Neues. Der Barmer-GEK-Report zum Tag der Rückengesundheit klingt trotzdem alarmierend:
Bereits in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen leiden rund 15,9% der Frauen und rund 11,5% der Männer an Rückenschmerzen. Die Krankenkasse rät zur Vorbeugung. Mögliche Ursachen wie Bewegungsmangel und Muskelverspannungen sollten frühzeitig beseitigt werden, damit die Schmerzen nicht chronisch werden. Wichtig sei außerdem eine psychische Stabilität. Entspannungstechniken, die Körper und Seele ansprechen, könnten hilfreich sein.
Auch aus gesundheitsökonomischer Sicht sind Rückenschmerzen ein heißes Thema. Laut TÜV Rheinland sind hierzulande Muskel-Skeletterkrankungen der Hauptgrund für Arbeitsunfähigkeit. Mindestens zwei Drittel der Deutschen leiden laut TÜV mindestens einmal im Leben an Rückenschmerzen. Neben Bewegungsmangel nennt der TÜV falsche Körperhaltung und Stress als Ursachen und appeliert an die Unternehmen, die Arbeitsbedingungen zu analysieren und stärker auf Vorbeugung zu achten.
100 Milliarden US-Dollar
Auch in den USA stellen Rückenschmerzen ein massives gesundheitsökonomisches Problem dar. Zu den Therapiekosten kommen indirekte Kosten wie Arbeitsausfall oder eingeschränkte Arbeitsleistung. Die jährlichen Kosten werden auf 100 Milliarden US-Dollar geschätzt, wobei zwei Drittel davon auf die indirekten Kosten entfallen.
Neue Leitlinie aus den USA
Das American College of Physicians hat nun seine Guideline aus dem Jahr 2007 aktualisiert. Die neue Fassung der Guideline beinhaltet eine klare Handlungsanweisung zur Therapie von akuten, subakuten und chronischen Rückenschmerzen, in deren Mittelpunkt die Bewertung nicht-invasiver medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapien steht. Leider konzentriert sich die medikamentöse Behandlung auf eine systemische Gabe, topische Therapien werden in der Guideline nicht bewertet.
Als akute Rückenschmerzen werden Beschwerden definiert, die weniger als vier Wochen andauern, subakute Schmerzen dauern vier bis zwölf Wochen, chronische über zwölf Wochen.
Akute Schmerzen: Beste Evidenz für Wärme
Die gute Nachricht lautet: Akute und subakute Rückenschmerzen verbessern sich in der Regel deutlich innerhalb weniger Wochen. Daher sollte auf eine systemische medikamentöse Therapie verzichtet werden. Empfohlen werden stattdessen Wärmebehandlung sowie Massage, Akupunktur oder manuelle Medizin (Chirotherapie, Osteopathie), wobei für die Wärmebehandlung die beste Evidenz vorliegt. Sollte eine medikamentöse Behandlung gewünscht sein, wird die Gabe von nicht-steroidalen Antiphlogistika oder Muskelrelaxanzien empfohlen.
Wärme wirkt
Auch unsere Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz empfiehlt bei akuten Rückenschmerzen Formen der Wärmetherapie, die es erlauben, die normale körperliche Aktivität beizubehalten. Neben Capsaicin-haltigen Produkten sind Wärmegürtel oder Wärmepflaster eine Option, die mit Aktivkohle, Eisenpulver und Wasser arbeiten wie Thermacare® Rückenumschläge, doc® Therma Wärmeumschlag oder SOS® Wärme-Gürtel. Bei Kontakt mit Luftsauerstoff kommt eine Oxidation in Gang, das Eisen „rostet“ und setzt dabei eine angenehme Wärme von etwa 40 °C frei, die für bis zu acht Stunden anhält. Durch die langanhaltende Wärmezufuhr werden auch tiefer liegende Gewebeschichten wie Muskeln um bis zu 1 °C erwärmt. Alternativen zu diesen Einmalprodukten sind Akku-betriebene Wärmegürtel.
Weitere Beratungstipps zum Thema Rückenschmerzen finden Sie in dem Beitrag von Dr. Sabine Werner „In Bewegung bleiben“ in DAZ 2016, Nr. 36, S. 50.
Chronische Schmerzen: zuerst ohne Medikamente
Bei chronischen Rückenschmerzen – also Schmerzen, die über zwölf Wochen hinweg anhalten – wird in erster Linie ebenfalls eine nicht-medikamentöse Therapie empfohlen. Als Grund dafür wird die deutlich geringere Rate unerwünschter Wirkungen genannt – im Vergleich zu einer langfristigen medikamentösen Therapie.
Folgende Maßnahmen werden aufgrund der vorliegenden Evidenz empfohlen: Rückentraining, multidisziplinäre Rehabilitation, Akupunktur, Achtsamkeits-basierte Stressreduktion. Ein geringerer Evidenzgrad spricht für Tai Chi, Yoga, progressive Muskelentspannung, Laser-Therapie oder manuelle Medizin.
Erst wenn der Patient auf die genannten Maßnahmen nicht anspricht, sollte eine medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden. Dabei gelten nicht-steroidale Antiphlogistika als First-line-Therapie. Nach Abwägung der gastrointestinalen und renalen Risikofaktoren sollten NSAIDs in der niedrigsten wirksamen Dosis und so kurz wie möglich verschrieben werden.
Tramadol und Duloxetin gelten als Second-line-Therapeutika. Insbesondere bei Tramadol sollte der Missbrauchs- und Gewöhnungseffekt nicht unterschätzt werden.
Opioide sollten nur gegeben werden, wenn die Therapie mit Antiphlogistika, Tramadol oder Duloxetin nicht ausreichend ist und wenn das Nutzen-Risiko-Verhältnis im individuellen Fall positiv bewertet werden kann. |
Quelle
Jeder zehnte junge Mensch leidet an Rückenschmerzen. www.aerzteblatt.de, 14.03.2017
Qaseem A et al. Noninvasive Treatments for Acute, Subacute, and Chronic Low Back Pain: A Clinical Practice Guideline From the American College of Physicians. Ann Intern Med 2017; doi: 10.7326/M16-2367
Roger C et al. Nonpharmacologic Therapies for Low Back Pain: A Systematic Review for an American College of Physicians Clinical Practice Guideline. Ann Intern Med 2017; doi: 10.7326/M16-2459
Roger C et al. Systematic Pharmacologic Therapies for Low Back Pain: A Systematic Review for an American College of Physicians Clinical Practice Guideline. Ann Intern Med 2017; doi: 10.7326/M16-2458
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