Droht den Zyto-Apothekern eine riesige Retax-Welle?
Im Lager der Zytostatika-herstellenden Apotheker ärgert man sich derzeit über Retax-Post der Krankenkassen: Nach Informationen von DAZ.online soll in der vergangenen Woche die AOK Hessen damit angefangen haben, flächendeckend die Abrechnungen der rund 30 Zyto-Apotheken in Hessen zu beanstanden.
Wie kam es dazu? Im vergangenen Jahr schaffte der Gesetzgeber die exklusiven Zyto-Verträge zwischen Kassen und Apothekern ab. Die dadurch entgangenen Einsparungen sollten unter anderem durch neue Preise in der Hilfstaxe wieder eingeholt werden. Bis Ende August 2017 sollten Kassen und Apotheker sich in Verhandlungen auf eine neue Hilfstaxe einigen. Das gelang nicht, die Schiedsstelle wurde angerufen und erst im Januar 2018 gab es einen Schiedsspruch, der inzwischen von den Apothekern beklagt wird.
Trotzdem kam im Januar 2018 die Frage auf: Ab wann gelten die neuen im Schiedsspruch vereinbarten Preise? Festgelegt wurde das rückwirkende Stichdatum 1. November 2017. Unter anderem enthielt der Schiedsspruch die Regelung, dass der Abrechnungspreis für den Wirkstoff bei nicht patentgeschützten Wirkstoffen im Grundsatz der zweitgünstigste Apothekeneinkaufspreis – abzüglich eines Abschlags von 50 Prozent – sein soll. Zuvor waren es 30 Prozent Abschlag. Bis die neuen Abschläge auch elektronisch abgerechnet werden konnten, vergingen nach dem Schiedsspruch einige Wochen. Ende Februar teilte der Verband Zytostatika-herstellender Apotheker (VZA) dann mit, dass die neuen Preise ab dem 1. März 2018 abzurechnen seien.
Wie verhalten sich die anderen Krankenkassen?
Da der Schiedsspruch aber rückwirkend gilt, sind die ab November erfolgten Abrechnungen aus Kassensicht fehlerhaft. Und so mussten sich die Pharmazeuten nun auf zahlreiche, flächendeckende Retaxationen einstellen. In Hessen sind diese Beanstandungen nun angelaufen. Auf die Frage, ob die dortige AOK sich derzeit systematisch den Zyto-Abrechnungen widme, erklärte ein Sprecher: „Ja, bezogen auf November und Dezember 2017“. Dabei seien auch Wirkstoffe mit nicht-onkologischen Indikationen betroffen, wie zum Beispiel Eculizumab.
Auf die Frage, wie viele der Zyto-Apotheken in Hessen nun mit Retaxationen rechnen dürfen, hieß es: „Letztlich sind alle Zytostatika-herstellenden Apotheken (in Hessen etwa 30) betroffen.“ Wie groß die Gesamtsumme ist, die die AOK bei den Apothekern nun beanstandet, wollte der AOK-Sprecher nicht sagen. Dem Vernehmen nach geht es aber um größere Summen, teilweise pro Apotheke um einen mittleren fünfstelligen Betrag.
Die AOK Hessen hat in diesem Bundesland einen Marktanteil von etwa 30 Prozent. Doch bleibt völlig offen, ob die anderen Kassen dieser sehr rigiden Retaxweise der AOK Hessen folgen. Denn eines ist klar: Zum Zeitpunkt der Taxierung konnten die Apotheker gar nicht anders abrechnen, weil der Schiedsspruch mit den neuen Abschlägen erst im Januar 2018 erfolgte.