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Skandal in Bottrop
Zyto-Apotheke hatte laut Zeugin „Doppel-Hierarchie“
Vor dem Landgericht Essen sagten am heutigen Mittwoch zwei Apothekenmitarbeiterinnen aus, von denen eine ein relativ enges Verhältnis zum Angeklagten hatte. Sie berichtete laut Recherchebüro „Correctiv“ über die Rolle der Mutter in der Apotheke, die jedoch offenbar nichts mit der Zyto-Abteilung zu tun hatte. Mögliche Differenzen zwischen verbuchtem und tatsächlichem Warenbestand seien teils durch Probleme in der Buchhaltung entstanden.
Am heutigen Mittwoch vernahm das Landgericht Essen die frühere Mitarbeiterin des angeklagten Bottroper Zyto-Apothekers Peter S., Birgit K. Sie sagte laut dem Recherchebüro „Correctiv“ aus, dass der Apotheker sie und ihren Freund auf eine Kreuzfahrt eingeladen habe, zu der er sie begleitete – auch private Feiern hätten sie zusammen verbracht. Eine Liebesbeziehung zum ihr seit 2011 bekannten Angeklagten habe aber nicht bestanden, erklärte die Zeugin. S. habe „versucht, sich Freunde zu kaufen“, sagte K. laut dem Recherchebüro. Sie hatte zuvor bei einer onkologischen Praxis in Bottrop gearbeitet, die auch von Peter S. beliefert wurde. Durch den Wechsel zur Apotheke stieg ihr Bruttoverdienst offenbar von 3500 Euro auf 5500 Euro.
Während eine PKA berichtet hatte, dass seit dem Eintritt der Mitarbeiterin „vermehrt
Werbeaktionen veranstaltet“ und Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt worden sei, per
günstigerem Direkteinkauf zu bestellen, erklärte letztere laut „Correctiv“ heute,
der frühere kaufmännische Leiter Martin Porwoll habe Expansionswünsche gehabt. Die
Apotheke sei schnell gewachsen, die Buchhaltung habe dies nicht erfassen
können. „So gab es immer ein Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen
Warenbestand und dem verbuchten“, die Verwaltung
sei überfordert gewesen, erklärte sie.
„Herrscherin des Kellers“
Die Mutter von Peter S., die zuvor die Apotheke geführt hatte und diese nach seiner Inhaftierung wieder übernahm, sei „immer“ in der Apotheke gewesen. Die Zeugin Birgit K. sagte laut „Correctiv“, es habe eine „Doppel-Hierarchie" gegeben – auch sei die Mutter die „Herrscherin des Kellers“ gewesen. Nach früheren Zeugenaussagen sollen zeitweise im Privatkeller abgelaufene Zytostatika gelagert worden sein. Birgit K. erklärte außerdem, die Mutter des Angeklagten habe ein enges Verhältnis zum Steuerberater gehabt und sei vermutlich über die wirtschaftliche Lage der Apotheke informiert gewesen.
Die Beziehung des Apothekers zu seiner Mutter sei von seinem Gesundheitszustand abhängig gewesen, sagte K. vor Gericht – schon zuvor war eine frühere Kopfverletzung im Prozess thematisiert worden. Laut der Zeugin war die Zyto-Abteilung „autark“.
Bei der Verhörung des Hauptbelastungszeugen Porwoll hatte
dieser unter anderem ausgesagt, der Apotheker habe einmal die Kosten für die Weihnachtsfeier
der onkologischen Praxis bezahlt, in der K. gearbeitet hatte. Letztere sagte am
heutigen Mittwoch außerdem aus, die Apotheke habe der Praxis
hohe Rabatte für Mullbinden oder Desinfektionsmittel gewährt, was sie gegenüber
seiner Mutter als nicht in Ordnung bezeichnet habe. Die Kooperation zwischen S.
und dem Onkologen sei auf Augenhöhe erfolgt – aber der eine habe „gegeben, der
andere genommen“.
Kaffee vor der Kontrolle durch die Amtsapothekerin
Anschließend vernahm die Kammer außerdem die frühere Apothekerin Ramona S. Wie frühere Zeugen sagte sie aus, ihren Chef „zwei, drei Mal im Anzug im Labor gesehen“ zu haben – angesprochen habe sie ihn darauf jedoch nicht. Sie könne sich nicht an einen möglichen Zwischenfall erinnern, bei dem ein Krebspatient ein abgelaufenes Arzneimittel erhalten habe, erklärte die Zeugin. Auch sie berichtete auf Fragen von der Verteidigung von Problemen in der Warenwirtschaft: Die Software habe oft angegeben, dass Präparate vorrätig seien, ohne dass diese im Lager waren – oder es meldete einen Nullbestand, obwohl Vorräte vorhanden gewesen seien.
Auf Frage der Nebenklage habe Ramona S. von einem Besuch der Amtsapothekerin in der Zyto-Apotheke berichtet: Dieser sei angekündigt worden, so dass die Apotheke sich hierauf vorbereiten konnte. Vor der Kontrolle habe die Apothekerin noch einen Kaffee mit S. getrunken.
Außerdem beantragten Nebenklage-Vertreter am heutigen Mittwoch, Onkologen als Zeugen zu laden – wie auch den Steuerberater. Erneut brachten sie vor, dass sie Hinweise für versuchten Mord sehen, und nicht nur versuchte Körperverletzung, wie es die Staatsanwaltschaft in knapp 30 Fällen zur Anklage gebracht hatte. Offen ist laut „Correctiv“ noch, ob Nebenklagevertreter Einsicht in Grundbuchakten, in Notarverträge zur Übertragung der Apotheke von S. auf seine Mutter, in eine nach der Verhaftung getätigte Schuldverschreibung sowie Kontenübersichten erhalten, die dem Gericht nun vorliegen. S. schweigt bislang zu den Vorwürfen gegen ihn.
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