Klage abgewiesen
Update, 5. März, 20.30 Uhr: Das Gericht hat die Klage abgewiesen. Alle Informationen zu dem Urteil finden Sie hier.
Hat der deutsche Pharmahersteller Merck in Frankreich nicht ausreichend über die neue Zusammensetzung seines L-Thyroxin-Präparats Levothyrox informiert? Ein Gericht in Lyon will am Dienstag sein Urteil in einem Schadenersatzprozess verkünden. Mehr als 4000 Kläger fordern mit einer Sammelklage 10.000 Euro Schadenersatz pro Person. In Deutschland steht die Umstellung noch bevor.
Merck hat in Frankreich die Zusammensetzung des Schilddrüsentherapeutikums Levothyrox geändert. Der Hersteller hatte die neue Zusammensetzung auf Bitten verschiedener internationaler Gesundheitsbehörden, darunter auch der französischen Medikamentenbehörde ANSM, entwickelt. Die Gesundheitsbehörden forderten schärfere Wirkstoffspezifikationen von Schilddrüsen-Präparaten. Die Rezepturänderung soll eine höhere Stabilität und Konsistenz des Wirkstoffes während der ganzen Haltbarkeitsdauer gewährleisten. Künftig muss der Levothyroxin-Gehalt über die Gesamtdauer der Haltbarkeit innerhalb eines Bereiches von 95 bis 105 Prozent liegen. Bislang war für die Wirkstoffspezifikation ein Schwankungsbereich von 90 bis 110 Prozent Levothyroxin-Natrium erlaubt.
Patienten hatten sich allerdings über Nebenwirkungen der im Frühjahr 2017 in Frankreich eingeführten neuen Rezeptur des Schilddrüsenmittels Levothyrox beschwert. Rund drei Millionen Menschen werden in Frankreich damit behandelt. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa-AFX haben sich mehr als 4100 Kläger einer Sammelklage angeschlossen. Sie würden jeweils 10.000 Euro Schadenersatz fordern. Die Kläger werfen dem Pharmahersteller vor, nicht ausreichend über die veränderte Rezeptur und mögliche Auswirkungen aufgeklärt zu haben. Die Zivilklage der Levothyrox-Patienten in Lyon zielt daher nicht auf Körperverletzung, sondern auf „fehlende Information“ und „moralischen Schaden“ ab, weil die Patienten nicht gewusst hätten, weshalb sie plötzlich gesundheitliche Probleme hatten.
Merck weist die Anschuldigungen zurück und erklärt: „Merck lehnt die von den Anwälten der Kläger erhobenen Ansprüche entschieden ab und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Qualität der neuen Zusammensetzung von Euthyrox® (Lévothyrox® in Frankreich) bereits mehrmals bestätigt worden ist. Darüber hinaus erlauben wir uns den Hinweis, dass die Informationen, die Ärzte, Apotheker und Patientengruppen zu der Einführung dieser neuen Zusammensetzung erhalten haben, im Rahmen der geltenden französischen Vorschriften vorbildlich waren.“
Die große Zahl der gemeldeten unerwünschten Wirkungen im Zusammenhang mit der neuen Rezeptur von Lévothyrox®
zwang zumindest die französische Arzneimittelbehörde ANSM, das Problem ernst zu
nehmen. Seither ist man um Aufklärung und Transparenz bemüht, arbeitet
das Geschehene systematisch in Pharmakovigilanzberichten auf, richtete
eigens zu diesem Zweck eine kostenlose Telefon-Hotline ein, führt
epidemiologische Studien zum Wechsel durch und begleitet den Prozess
Schritt für Schritt auf der Website der ANSM.
Neben Frankreich ist zum Beispiel auch in der Schweiz die neue Formulierung bereits eingeführt. Im Sommer vergangenen Jahres hat auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die neue Formulierung des Merck-Schilddrüsenmedikaments zur Zulassung empfohlen. Eingeführt ist es bislang nicht. „Die neue Formulierung zielt darauf ab, die Dosierung des Wirkstoffs präziser zu steuern und Patienten dabei zu helfen, ihr Schilddrüsenhormon-Level während der Behandlung besser zu kontrollieren“, erklärt Merck die Rezepturänderung in einem Schreiben an DAZ.online. Und weiter: „Die Rezepturänderungen haben keine Auswirkung auf die Wirksamkeit oder das Sicherheitsprofil von Levothyroxin, da der Wirkstoff derselbe bleibt.“
Merck bestätigt, dass die neue Rezepturformulierung bioäquivalent zur früheren ist. Die Zusammensetzung, der Wirkstoff und die Erscheinungsweise bleiben nach Angaben von Merck gleich. Allerdings hat Merck zwei Hilfsstoffe geändert: Die neue Formulierung enthält Mannitol statt Lactose-Monohydrat und zusätzlich wasserfreie Zitronensäure.
Das BfArM scheint allerdings einiges besser machen zu wollen als die Behörden in Frankreich: „Im aktuell noch laufenden Verfahren werden die Erfahrungen aus Frankreich sehr sorgfältig berücksichtigt. Für den Zeitpunkt nach Abschluss des Verfahrens ist deshalb in Deutschland eine umfassende mehrstufige Kommunikation an Ärzte, Apotheker, Patientenorganisationen sowie Patienten geplant. Unser Ziel ist es, alle Beteiligten vor und mit Einführung der neuen Formulierung bestmöglich zu informieren und damit mögliche Risiken und Verunsicherungen zu minimieren.“
Update, 5. März, 20.30 Uhr: Das Gericht hat die Klage abgewiesen. Alle Informationen zu dem Urteil finden Sie hier.
1 Kommentar
Levothyrox 75 ug
von Christel Hale am 04.12.2019 um 10:52 Uhr
» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten
Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.