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Evidenzbasierte Selbstmedikation
Informierte Entscheidungen ermöglichen
Immer mehr Patienten wollen aufgeklärt über ihre Therapie mitentscheiden können. Wie kann dies in der Praxis gelingen? Für eine qualitativ hochwertige Beratung braucht es laut der Medizinjournalistin und Pharmazeutin Iris Hinneburg neue Strukturen – in der Apotheke wie auch auf Seiten der Fachzeitschriften.
Wenn Patienten bei gesundheitlichen Problemen Rat in der Apotheke suchen, erwarten sie selbstverständlich, dass die Fakten in der Beratung der Wahrheit entsprechen und nicht durch finanzielle Interessen verzerrt sind. Allerdings ist in den letzten Jahren eine weitere Anforderung hinzugekommen: Viele Patienten wollen selbst eine informierte Entscheidung treffen und nicht mehr nur als Empfehlungsempfänger dem „allwissenden Experten“ am HV-Tisch gegenüberstehen.
In der Medizin gibt es seit vielen Jahren Bemühungen, dieses Konzept des „shared decision making“ – zu Deutsch „partizipative Entscheidungsfindung“ – in die Praxis umzusetzen. Das heißt konkret: Nicht der Arzt oder der Apotheker entscheiden, was das Beste ist, und der Patient nimmt es hin oder entzieht sich. Sondern es kommen alle Fakten auf den (HV-)Tisch und Apotheker und Patient entscheiden gemeinsam anhand der vorliegenden Daten und der Wünsche und Präferenzen des Patienten, welche Behandlungsstrategie am besten passt. Zwar sind es bei weitem noch nicht alle Patienten, die eine solche Beratung einfordern, doch müssen wir damit rechnen, dass es in den nächsten Jahren immer mehr werden.
Beratung für informierte Entscheidung
Wie muss eine solche Beratung aussehen? Hinweise dazu
liefert die Gute Praxis Gesundheitsinformation, ein Positionspapier des
Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin: Zuerst einmal sollte klar sein,
dass sich alle Informationen auf die bestverfügbare und aktuelle Evidenz aus
klinischen Studien stützen. Der Patient benötigt vor allem Angaben, welchen
relevanten Nutzen er von der Einnahme erwarten kann. Ein Patient mit Durchfall
könnte etwa mit dem pauschalen Versprechen „Mit diesem Arzneimittel fühlen Sie
sich bald wieder besser“ nur wenig anfangen. Hilfreicher wäre für ihn etwa zu
wissen, wie viele Toilettengänge pro Tag ihm das Medikament erspart oder wie
sehr sich die Krankheitsdauer verkürzt. Für eine gründliche Abwägung braucht
der Patient auch Informationen, mit welchen Nebenwirkungen er rechnen muss und
wie wahrscheinlich diese sind.
Und wie steht das jeweilige Mittel im Vergleich zu anderen Behandlungsmöglichkeiten, etwa anderen Wirkstoffen mit der gleichen Indikation? Im Bereich der Selbstmedikation, bei dem es häufig um selbstlimitierende Erkrankungen geht, ist auch der natürliche Krankheitsverlauf eine wichtige Information. Daraus kann der Patient dann abschätzen, wie es ihm gehen wird, wenn er nichts einnimmt. Möglicherweise kommt er dann zum Entschluss, dass es sich nicht lohnt, wegen zwei ersparten Toilettengängen von insgesamt sieben am Tag ein Arzneimittel einzunehmen, wenn der Durchfall sehr wahrscheinlich sowieso nach 24 Stunden von selbst aufhört. Oder dass es sich für ihn eben doch lohnt, weil er an dem Tag noch einen wichtigen Termin hat.
Wichtig ist es immer, ein realistisches Bild zu zeichnen und die Wirksamkeit nicht zu übertreiben: So wäre es fahrlässig, dem Patienten zu suggerieren, dass er mit einem bestimmten Mittel die häufigen Erkältungen verhindern kann, wenn es gar keine entsprechenden Daten aus zuverlässigen klinischen Studien gibt, mit denen sich diese Aussage belegen ließe.
Wir brauchen OTC-Datenbank
Diese Schilderung macht deutlich: Die Fakten, die für eine solche Beratung notwendig sind, kann niemand am HV-Tisch im Kopf haben und liegen derzeit in den Apotheken gar nicht oder nicht in leicht verfügbarer Form vor. Deshalb brauchen die Apotheken für eine echte evidenzbasierte Beratung, die dem Patienten die informierte Entscheidung ermöglicht, auch unbedingt eine Datenbank mit aufbereiteter Evidenz zu OTC-Mitteln - so wie es ein Antrag vorsieht, der auf dem Deutschen Apothekertag 2014 angenommen wurde. Wer die Entwicklung dieser Datenbank verschleppt, darf sich nicht wundern, wenn Patienten und Verantwortliche im Gesundheitssystem die Apotheken nicht als ernstzunehmende Partner ansehen.
Impuls für Fachzeitschriften
Die Gute Praxis Gesundheitsinformation fordert aber auch die pharmazeutischen Fachzeitschriften heraus, die für viele Apotheker die wichtigste Quelle für Beratungsinformationen darstellen. So sollte es der Vergangenheit angehören, dass bei der Besprechung neuer Wirkstoffe der Leser zum Nutzen nur erfährt, um wieviel Prozent vom Ausgangswert das Arzneimittel das Arzneimittel das LDL-Cholesterol senkt. Für den Patienten ist es viel relevanter, ob das neue Mittel ihn vor einem Herzinfarkt schützt, wie groß die Risikoreduktion in absoluten Zahlen ist und wie sich der Nutzen im Vergleich zu bisherigen Medikamenten darstellt. Auch Angaben zu Nebenwirkungen sind unerlässlich. Und wenn diese Daten noch nicht vorliegen, weil etwa entsprechende Studien noch nicht durchgeführt oder abgeschlossen sind, muss das aus dem Artikel klar hervorgehen und nicht nur in einem Nebensatz erwähnt werden. Das gilt natürlich auch für Mittel der Selbstmedikation. Ebenso muss es klar werden, ob der Autor relevante Interessenkonflikte hat – denn nur dann kann der Leser die Informationen richtig einordnen.
Patienten bei ihrer informierten Entscheidung zu unterstützen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe – aber wer sich selbst als Heilberufler versteht, sollte diese Herausforderung annehmen.
1 Kommentar
EVIDENZBASIERTE SELBSTMEDIKATION
von Bernd Küsgens am 07.03.2016 um 18:33 Uhr
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