Kommentar

Weihnachtswunsch an die ABDA: Neue Daten für die Politik

Süsel - 22.12.2022, 17:50 Uhr

DAZ-Wirtschaftsexperte Thomas Müller-Bohn hat dieses Jahr einen besonderen Weihnachtswunsch – an die ABDA. (s / Foto: chechotkin / AdobeStock) 

DAZ-Wirtschaftsexperte Thomas Müller-Bohn hat dieses Jahr einen besonderen Weihnachtswunsch – an die ABDA. (s / Foto: chechotkin / AdobeStock) 


Seit Jahren präsentiert die ABDA viele Daten als Grundlage für politische Diskussionen. Doch sind das wirklich die Daten, die den Apotheken helfen? DAZ-Wirtschaftsexperte Dr. Thomas Müller-Bohn hat einen Wunschzettel mit Daten zusammengestellt, die neue Diskussionen anstoßen und die Politik hoffentlich mehr beeindrucken würden.

Weihnachten ist für viele die Zeit der Wünsche. Manche sind ausgefallen, vielleicht sogar unerfüllbar, andere überfällig. Was ich mir von der ABDA wünsche, fällt wohl in die letztgenannte Gruppe. Jedes Jahr bei der Präsentation des Apothekenwirtschaftsberichts vermisse ich einige Daten, die für politische Argumentationen im Interesse der Apotheken hilfreich sein könnten. 

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Die Gelegenheit diese Wünsche zu äußern, erscheint in diesem Jahr besonders günstig. Denn die ABDA hat kürzlich angekündigt, ihr Datenpanel zu einem Daten-Hub auszubauen und mehr Daten von den Apotheken zu sammeln. Außerdem ist der Bedarf an neuen Daten derzeit besonders groß, weil die Politik für das Jahr 2023 ein Strukturgesetz plant. Darum sehe ich gute Chancen für diese Datenwünsche.

Besonders wichtig: Verteilung der Betriebsergebnisse

Seit Jahrzehnten präsentiert die ABDA jährlich eine Häufigkeitsverteilung der Umsatzgrößenklassen, aber nur eine Durchschnittsangabe zum Betriebsergebnis. Zugleich versucht sie Politikern und Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass Umsätze bei Apotheken wenig aussagen. Darum sind die Betriebsergebnisse wichtiger. Darum sind auch Streuungsmaße für die Betriebsergebnisse gefragt, im Idealfall eine Häufigkeitsverteilung der Größenklassen der Betriebsergebnisse, aber zumindest Angaben darüber, welcher Anteil der Apotheken ein prekäres und welcher Anteil ein komfortables Betriebsergebnis hat. 

Das würde der Politik vermitteln, wie viele Apotheken keine langfristige Perspektive haben. Ein Durchschnittswert zeigt dies erst, wenn schon der Durchschnitt nicht genug verdient, um in die Zukunft zu investieren. Doch dann käme eine mögliche Hilfe für sehr viele Apotheken zu spät. Mit Angaben zur Verteilung der Betriebsergebnisse wären dagegen drei wichtige Fragen ansatzweise zu beantworten:

  • Wie viele Apotheken erwirtschaften nichts mehr und werden nur noch betrieben, um den Mietvertrag bis zum Ablauf zu erfüllen?
  • Wie viele Apotheken erwirtschaften so wenig, dass sie unverkäuflich sind und geschlossen werden, wenn der Inhaber in Rente geht?
  • Wie viele Apotheken erwirtschaften so wenig, dass sie bei der nächsten zusätzlichen Belastung in eine der beiden zuvor genannten Kategorien fallen?

Szenarien als Ergänzung zu Durchschnittswerten

Die ABDA betont beim Apothekenwirtschaftsbericht seit vielen Jahren, wie sehr sich die Apothekenlandschaft spreizt, aber sie liefert außer der nur bedingt aussagekräftigen Umsatzverteilung nichts, um diese Spreizung zu vermitteln. Die Betriebsergebnisse wären der wichtigste Aspekt, aber für weitergehende Argumentationen wären mehr Details nötig. Wie unterscheiden sich die Rohgewinne und die Kostenverteilung zwischen kleineren und größeren Apotheken? Wie viele Apotheken befinden sich in eigenen Räumen der Inhaber und was bedeutet das für die Raumkosten? Die bisher übliche Angabe der Nicht-Personalkosten ergibt sich aus einer Mischung aus Apotheken in eigenen und gemieteten Räumen. Die tatsächlichen Kosten in Mieträumen sind größer, aber die präsentierten Zahlen vermitteln das nicht. 

Hilfreich wäre eine Kostenrechnung für eine typische Apotheke in Mieträumen. Dann kommt es darauf an, welches Betriebsergebnis eine solche Apotheke erzielt und was davon nach Abzug eines „Arbeitsentgelts“ für den Inhaber als Unternehmerlohn bleibt. Das steuerliche Betriebsergebnis sollte interpretiert werden. Dazu gehören die kalkulatorischen Kosten und die Investitionen, die nötig sind, um eine Apotheke für die Anforderungen auszustatten, die die Politik formuliert, nicht zuletzt bei der Digitalisierung.

Woher die Durchschnittswerte rühren

Wer die Geschichte des Apothekenwirtschaftsberichts kennt, weiß, dass die Durchschnittsangaben ihre Gründe haben. Die Politik hatte vor vielen Jahren eine Rechnung der ABDA mit Daten für eine typische Apotheke und mit kalkulatorischen Kosten zurückgewiesen. Doch das sollte die ABDA nicht daran hindern, neben der Durchschnittsbetrachtung zusätzlich (!) andere Szenarien zu präsentieren. Heutzutage sollte vermittelbar sein, dass ein Durchschnitt wenig aussagt. Zumindest gutwillige Politiker werden verstehen, dass eine Durchschnittsapotheke nicht weiterhilft, wenn es um die Versorgung an einem Problemstandort geht. Es ist zu wünschen, dass die ABDA dies mit passenden Daten untermauert.

Versorgungssicherheit zum Ersten: Einzugsgebiete für Apotheken

Versorgung bezieht sich immer auf den jeweiligen Standort. Darum betont die ABDA die Bedeutung der wohnortnahen Apotheken. Dann sollten die Daten das auch zeigen. Dieses Thema lässt sich von zwei Seiten her bearbeiten, ausgehend von Apotheken oder von Regionen.

Zunächst liegt die Frage nahe, wie viele Apotheken ihr Einzugsgebiet allein versorgen. Das erfordert eine Definition für Versorgungsgebiete. Postleitzahlgebiete können eine erste Näherung sein. Im ländlichen Raum sind Gemeinden vermutlich besser, aber große Gesamtgemeinden sagen wenig aus. In Großstädten ist ein Konzept gefragt, mit dem Stadtteile oder Vororte als Versorgungsgebiete definiert werden können. Jeder Ansatz wird vielfältiger Kritik ausgesetzt sein, aber das darf kein Grund sein, es nicht zu versuchen.

Versorgungssicherheit zum Zweiten: Apotheken pro Flächeneinheit

Allerdings dürfte eine Betrachtung von den Regionen her die derzeitigen Probleme besser zeigen. Denn oft schließt eher die zweite oder dritte Apotheke in einem Ort oder eine Apotheke in einem mehr oder weniger abgelegenen Ortsteil. Daraus entsteht noch nicht unmittelbar eine Versorgungslücke, aber so dünnt die Versorgungslandschaft aus. Der Notdienst wird schwieriger zu organisieren, Botendienstfahrten werden länger. Doch die von der ABDA präsentierte Zahl der Apotheken pro Einwohner auf der Ebene der Landkreise zeigt diesen Effekt nicht. Im Gegenteil, die dünn besiedelten Kreise, in denen die Notdienstversorgung bereits an Grenzen stößt, fallen dort sogar mit einer hohen Apothekendichte auf. Denn das sind stets Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte. 

Entscheidend ist aber nicht die Einwohnerzahl, sondern die Fläche. Selbstverständlich geht es nicht darum, die Zahl der Apotheken pro Flächeneinheit in ländlichen und städtischen Regionen zu vergleichen. Vergleiche mit anders strukturierten Regionen bringen gar nichts. Stattdessen ist eine Mindestzahl von Apotheken pro Flächeneinheit gefragt, um Notdienstregelungen und Botenfahrten nicht zu überdehnen. Vielleicht lassen sich auch noch treffendere Kennzahlen entwickeln. Doch Betrachtungen zur Versorgungssicherheit müssen immer auf Grenzwerte zielen, nicht auf Vergleiche mit irgendeinem Durchschnitt. Denn die Probleme entstehen dort, wo die etablierten Strukturen an Grenzen stoßen.

Versorgungssicherheit zum Dritten: Langfristige Personalausstattung

Alle diese Betrachtungen können allerdings nur helfen, wenn genügend Menschen da sind, die in Zukunft in den Apotheken arbeiten. Zur Personalentwicklung hat die ABDA bisher Szenarien für die Zeit bis 2029 präsentiert. Doch das reicht nicht. Der geburtenstärkste Jahrgang 1964 erreicht 2031 die Regelaltersgrenze. Dann wird das Personalproblem eine ganze neue Dimension bekommen. Die Erstsemester, die im Jahr 2023 ihr Studium beginnen, können frühestens 2028 als Approbierte in den Apotheken arbeiten. Darum greift eine Betrachtung bis 2029 viel zu kurz. Entscheidend sind Prognosen für die Zeit danach. Da liegen die ganz großen Herausforderungen, die heute an die Politik herangetragen werden müssen, und nur diese Zeit lässt sich mit dem Aufbau neuer Studienplätze überhaupt noch gestalten.

Ganz einfach und sehr interessant: Zahl der Besitzerwechsel

Viel einfacher und vor allem ohne irgendwelche neuen Daten von den Apotheken könnte die ABDA angeben, wie viele Apotheken in jedem Jahr den Besitzer wechseln. Diese Information wäre sehr hilfreich, um sie in eine Beziehung zur Zahl der Schließungen zu setzen und die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welcher Anteil der abgegebenen Apotheken wird übernommen?
  • Welcher Anteil muss schließen?
  • Verändert sich diese Relation langfristig?

Da Apotheken längst nicht nur wegen Unwirtschaftlichkeit schließen, reicht die eingangs gewünschte Verteilung der Betriebsergebnisse nicht aus, um die Zahl der Schließungen vorherzusagen. Es gibt noch viele andere Gründe, insbesondere fehlende Nachfolger und fehlendes Personal. Vieles ist zu individuell für ein Modell, das an den Ursachen ansetzt. In solchen Fällen hilft der empirische Blick auf die bisherige Entwicklung. Gemeint ist keine plumpe Hochrechnung der bisherigen Schließungszahlen, sondern eine Verknüpfung aus Besitzerwechseln, der Altersstruktur der Inhaber und Schließungen. 

Die Glaskugel für künftige Versorgungslücken

Damit ließe sich abschätzen, wie viele Schließungen künftig unter gleichbleibenden wirtschaftlichen Bedingungen zu erwarten sind. Die Zahl der Schließungen wird allein aufgrund der Altersstruktur steigen. Neue wirtschaftliche Belastungen kommen hinzu. Da müsste die Verteilung der Betriebsergebnisse einfließen. Alles zusammen ergäbe ein Prognosewerkzeug für die Zahl der Apothekenschließungen, das in der Politik Eindruck machen sollte. Wenn das mit den Daten zur regionalen Versorgung kombiniert wird, wäre das fast schon eine Glaskugel für künftige Versorgungslücken.

Ist das zu viel Erwartung? Oder wird die ABDA diese Wünsche erfüllen? Und wird das die Politik beeindrucken? Seien wir zuversichtlich! Schöne Weihnachten wünscht


Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Erhebung der Gründe für Schließungen

von FJS am 27.12.2022 um 14:51 Uhr

Wie immer sehr gute Vorschläge von Dr. Thomas Müller-Bohn.
Ein weiterer Vorschlag wäre:

Nachdem alle Schließungen von Apotheken den Kammern gemeldet werden, könnte doch expost ein EXIT-Fragebogen verschickt werden, um die genauen Gründe zu erfahren.

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